Friday, July 25. 2008
Die Region, aus der viele der hiesigen Familien vor 30-40 Jahren gekommen sind, liegt in Manabí, dem südlich angrenzenden Kanton. Dort ist es nicht unüblich, dass junge Männer ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit Tieren haben. Eine Ziege, eine Eselin. Natürlich denkbarerweise nicht ohne Folgen für ihr Verhältnis zu Sexualität und Frauen. Auch gibt es dort viele Leute, deren Großväter noch 3 Frauen gleichzeitig hatten. Wie soll man da nicht Macho sein.
Thursday, July 24. 2008
In der Nähe vom ca. 4 Stunden Fußmarsch entfernten Bilsa, dem Naturreservat für das Martin Eckhardt, der spätere Gründer Gesundheitsstation, und ich vor 8 Jahren zum ersten Mal hier in diese Region gekommen sind, haben sich Invasoren angesiedelt und versetzen die Bewohner hier in schwere Unruhe. Ca. 30 Mann, schwerbewaffnet, sind eingedrungen und haben das Land besetzt. Die Männer sind aus Stadt Santo Domingo, mit rund 240.000 Einwohnern der viertgrößten Stadt Ecuadors, die mit dem Jeep von La Y ca. 4 Stunden entfernt liegt. Während einige Menschen vom Land in die Stadt ziehen, in der Hoffnung auf Arbeit, gehen andere auf’s Land in der Hoffnung auf günstiges Eigentum und immer genug zu Essen aus der eigenen Finca.
Die Polizei hat gekniffen – besser so.
Der Eigentümer des besetzten Landes wohnt selbst nicht auf seinem Grundstück, sondern besucht es nur hin und wieder. Irgendwie müssen die davon Wind bekommen haben, man sagt sich sie seien durch einen General aus Santo Domingo gedeckt. Andere Stimmen behaupten bei Tischgesprächen sie seien von der kolumbianischen Guerilla mit Waffen ausgestatten worden. Außerdem geht das Gerücht, das wäre nur die Vorhut und es würden demnächst noch 300 Mann nachkommen. Jedenfalls haben sie sehr schnell, 30 Mann können halt schon was schaffen, wenn sie wollen, Hütten aufgebaut. Es wurde schon versucht mit ihnen zu sprechen, aber sie sind nicht gesprächsbereit. Dann haben die Männer hier aus der Region überlegt, ob sie sich zusammentun um die Invasoren zu vertreiben, aber das hätte Krieg und Tote gegeben. Also wurde als nächstes erstmal die Polizei aus Quinindé gerufen. Die kamen auch mit 25 Mann und haben sich halb auf den Weg gemacht – als sie jedoch bemerkt haben, dass sie weniger und zudem schlechter ausgerüstet sind, sind sie sehr schnell wieder abgerückt. Bei meiner letzten Fahrt im Sammel-Jeep nach Quinindé saß neben mir Don Manolo. Er war, als Vertreter des Naturreservats, auf dem Weg in die Kantonshauptstadt Esmeraldas. Jetzt soll das Militär ran. Wenn die Leute hier von den Invasoren sprechen, dann hört sich das an, als sprechen sie von einem Geschwür, einer Zecke, einem Parasit, der sich in ihrer Region festgesetzt hat, reingefressen, tief drinnen...
Wednesday, July 23. 2008
Der Ort La Y wächst derzeit etwas, einige Familien aus den tiefer drin gelegenen Dörfern siedeln hierher um und auf jeden Fall wird einiges gebaut – und nicht nur mit Holz, nein mit Betonsäulen! Einige Familien ziehen in die Stadt, andere kommen neu hier an, recht viel Fluktuation gerade, für so ein kleines Dorf. Don José hat mir ja letztes Jahr gesagt, er bleibt lieber hier, hier ist immer was zu essen, in der Stadt weiß man nicht so genau.
Tuesday, July 22. 2008
Und wenn es hier auch noch immer keine Polizeistation gibt, ein „Polizeivertreter“ ist schon mal da – was das allerdings genau bedeutet, hab ich noch nicht verstanden. Er trägt keine Uniform und keine Waffe und hat auch keine Station, sondern einen Speisesaal. Ob er einen „Polizeikurs“ besucht hat? Jedenfalls betätigt er sich hauptsächlich als Streitschlichter. Er hat auch schon Leute nach Quinindé zur echten Polizei gebracht, aber das war vermutlich keine regelrechte Verhaftung. Vor ein paar Monaten hat er selbst ein weibliches Familienmitglied mit dem Gürtel geschlagen, nach dem sie ihn in der Öffentlichkeit beleidigt hatte. Niemand hat eingegriffen, denn sie gehört ja zur Familie und jemanden öffentlich zu beleidigen wird als schweres Vergehen gesehen, so dass einige für die Strafe Verständnis haben. Mit ihren Verletzungen kam sie zu uns auf die Gesundheitsstation, am liebsten wollte sie ihn anzeigen, aber er ist ja selbst der einzige hiesige Polizeivertreter, deshalb geht das nicht hier.
Der Bordellbetreiber, der da neulich einen lästigen Kunden umgebracht hatte ist übrigens samt Familie geflüchtet. Das „Bordell“, eine kleine schäbige Hütte direkt am Wegesrand, ist schon abgerissen, nur noch die Bretter liegen herum, die nützlichen Balken haben sich die umliegenden Familien geholt.
Monday, July 21. 2008
Testfrage: Wenn eine Frau, ohne ihren Mann zu fragen, in die Stadt fährt um einzukaufen und kommt zurück der Mann schlägt sie, ist das dann in Ordnung?
Die erste einstimmige Antwort war: Ja, das ist in Ordnung. Erst danach kamen in der Diskussion langsam Zweifel auf: Naja, hieß es, es kommt darauf an, also wenn z.B. der Mann wichtige Einkäufe für die Familie nicht erledigt hat und die Frau nur deshalb fahren musste, dann darf sie dafür nicht geschlagen werden. In der Diskussion der Frauen geht es nur darum, ob der Anlass für die Schläge gerecht ist – dass es für Schläge keine Rechtfertigung gibt, dass sie verboten sind und sie nie in Ordnung sein können, das kommt in den Denkmustern überhaupt nicht vor. Die Frauen- und Mädchengruppen tragen dazu bei, sich der Umstände bewusst zu werden und das Selbstbewusstsein der Mädchen und Frauen zu stärken. Häufig sind sie sich gar nicht bewusst, dass ihnen Unrecht geschieht, weil sie es nicht anders kennen.
Hätten Sie’s gewusst?
Sunday, July 20. 2008
Eine Frau hier leidet z.B. unter ihrem noch relativ jungen Mann und würde ihn am liebsten verlassen, weiß aber nicht wohin mit sich und ihren Kindern und bleibt daher bei ihm. Seine Mutter, die auf dem gleichen Grundstück lebt, ist immer auf seiner Seite, unabhängig von Recht und Unrecht. Eine Solidarität unter den Frauen ist praktisch nicht vorhanden, es ist eher so ein „Ich musste meinem Mann dienen, also soll meine Schwiegertochter auch meinem Sohn dienen.“
Das Problem ist die Übergangsphase, denn wenn die Frauen „plötzlich“ auf ihren Rechten pochen, dann ändert das noch nichts an ihrer faktischen wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Mann. Frauen ohne Mann müssen wieder heiraten, sonst sind sie arm und arm dran. Parallel mit den neu wahrgenommenen Rechten müssen daher langsam die Alternativen entwickelt werden und vermutlich ist dieser Prozess naturgemäß nicht ohne Konflikte zu bewältigen.
Nach vielen Jahren gehört jedenfalls mittlerweile der von uns eingeführte jährliche Marsch auf den Dorfplatz am Weltfrauentag fest als Aktion dazu, so dass einige Mädchen – und Jungen! – schon mit dem Bewusstsein und zentralen Parolen wie „Keine Gewalt gegen Frauen“ aufgewachsen sind.
Saturday, July 19. 2008
Hier in La Y gibt es schon einige progressivere Geister, die ein anderes Frauenbild haben, aber auch das ist nicht immer ganz sauber getrennt, sondern zu guten Teilen mit „Machismo“ vermischt. So gibt es hier Frauen, die den ganzen Tag im Haus verbringen, dort Besuch herzlich empfangen, ihn aber sofort wegschicken, wenn der Sohn reinkommt und unheilverkündend ruft „Papa kommt“. Weiter drinnen in der Zona ist es noch schwieriger, dort sind die Dorfnamen ja eher pro forma, eine richtige Dorfstruktur und ein enges soziales Netz gibt es ja meist nicht, nur verstreute Fincas, die sich einen Fußballplatz und eine Schule teilen. Auf ihren Fincas leben die Familien weit weg von anderen und die Männer führen ein hartes Regiment, während die Frauen und Kinder dem Willen und den Launen der Männer weitgehend ausgeliefert sind.
Vielleicht sollten wir mal einen Männer-Kreis aufbauen. Vielleicht subtil als Fußballverein getarnt. Oder als Billardclub. Oder als Hahnenkampfarena.
Thursday, July 17. 2008
Karin, Freiwillige aus den USA, schreibt gerade hier ihre Doktorarbeit als Anthropologin und ist dafür 1 Jahr hier. Sie veranstaltet regelmäßig Frauen- und Mädchengruppen, in denen es um deren Themen und Fragen geht. Dabei wird auch über familiäre Gewalt, über Aufklärung und Sexualität gesprochen. Natürlich muss sie zusehen, dass die Treffen nicht von den Männern als aufrührerisch verstanden werden und auch das Thema Sexualität nicht zu sehr in den Fokus gerät, so dass es dann heißt „die Gringa veranstaltet Sex-Treffen mit unseren Töchtern“ oder so! Deshalb finden die Treffen nicht versteckt, sondern für alle sichtbar in einem Haus direkt am Dorfplatz statt und den Aufhänger bilden zum Beispiel ganz allgemein die Träume und Wünsche der Mädchen. Da geht es dann erstmal um die Traumberufe, ein Mädchen will z.B. Journalistin werden, 2 Tänzerinnen und eine Ärztin. Einmal war eine unserer Angestellten dabei, die schon in jungen Jahren ein Kind bekommen hat und berichtet von den Nachteilen, die die frühe Mutterschaft für die eigene Bildung hat und von dadurch entstandenen Abhängigkeit von ihrem Mann – und schon ist die Verbindung zum Thema Familienplanung da und es wird über Verhütungsmethoden gesprochen. Ich weiß das alles natürlich nur aus Erzählungen, denn ich darf ja nicht dabei sein. Karin ist seit 7 Jahren mit dem Vertrauensaufbau beschäftigt, um jetzt solche und andere Fragen stellen zu können – auch an Männer.
Cola als Verhütungsmittel
Nicht, dass man über Verhütung nicht sprechen darf, es wird nur nicht gemacht, auch nicht in der Schule, das Wissen ist daher recht zufällig verteilt und eher spärlich. Und häufig mit gefährlichen Gerüchten vermischt, wie z.B. dass man nur ein paar Medikamente in Cola mischen und das Gebräu dann vor dem Sex trinken muss, um nicht schwanger zu werden.
Wednesday, July 16. 2008
Ja, als Kind kann man hier glaube ich schon eine glückliche Kindheit haben. Das einzige Problem ist wenn man krank oder verletzt ist oder die eigenen Eltern doof zu einem sind. Ansonsten gibt es viele Tiere, viele Kinder, man teilt sich die Zimmer, kennt jeden im ganzen Dorf, die Mutter ist immer zu Hause, steht am Herd oder macht ein bisschen Handwäsche im Garten und man hilft ein bisschen im Haushalt oder auf dem Hof, man spielt mit alten Autoreifen und kämpft mit Macheten gegen das wuchernde Unkraut ums Haus und manchmal kommt ein Gringo mit blonden Haaren und macht die Kinderbibliothek auf und spielt einem. Klingt doch ganz nach romantischem Dorfleben in Deutschland!
Tuesday, July 15. 2008
Manche Dorfszenen können einen schon verzaubern: zwei Mädchen so 6 bis 8 Jahre alt, beide barfuß, machen sich an einer blauen Plane zu schaffen und breiten sie länglich auf dem Pfad vor ihrer Hütte aus. Die Hütte steht leicht erhoben auf Pfählen am Hang und hat den Eingang auf der Bergseite. Eine Treppe gibt es nicht, die Türschwelle liegt ca. 40 Zentimeter hoch – mühevoll wuchten die beiden Mädchen einen halbvollen Sack Reis aus der Hütte nach unten und zerren ihn dann auf die Plane. Mit vereinten Kräften heben sie den Sack hinten an und schütten den Reis rauschend zu einem kleinen Berg auf die Plane. Sie holen noch einen zweiten halben Sack und leeren auch diesen auf die Plane aus. Und dann fangen sie genüsslich an, barfuß durch den Reis zu stapfen und zu schlurfen und verteilen dabei den Reis schön gleichmäßig zum Trocknen auf der ganzen Plane. Ich will auch! Eigentlich sieht das aus wie ein Spiel. Kinderarbeit kann so schön sein.
Monday, July 14. 2008
So, jetzt hab ich Euch aber mal ganz ordentlich geschrieben! Ich nenne es den „So-ist-das-in-La-Y“-Zyklus. Menschen, die Informationen lieben, finden die vollständigen Texte, wenn sie dem Link unten folgen! Und damit ihr Euch das Ganze schön einteilen könnt, ist hier der Überblick:
• Wie kann man eine Hütte mitnehmen?
• Was trügt an dem Idyll?
• Was ist auf der Station unentbehrlich?
• Warum müssen sie ständig Bäume fällen?
• Warum verschimmelt das Obst am Baum?
• Darf man die lokale Kultur verändern?
• Frauen schlagen – ist das nicht praktisch?
• Warum gibt’s keine Malaria mehr?
• Was bringen Bürgerinitiativen im Nebelwald?
Und zu guter Letzt die ganze Wahrheit:
• Warum wir in Stuttgart mit derart extremen Lebensbedingungen zu kämpfen haben!
Hier könnt ihr den ganzen „So-ist-das-in-La-Y“-Zyklus ausführlich nachlesen:
Continue reading "Wir haben’s schon schwer in Stuttgart. Aber Stuttgart ist eben nicht Dubai!"
Als erstes muss ich heute schnell und sehr herzlich gratulieren, denn mein Patenkind hat heute seinen 7. Geburtstag und ich kann leider nicht dabei sein, deshalb von hier aus: Alles Gute, liebe CHIARA! Ich wünsche Dir ein sehr schönes Fest!
Viele liebe Grüße und bis bald!
Benny
Sunday, July 13. 2008
Ich habe die letzte Zeit erstmal wieder ins Leere gegriffen, weil ich mich erst wieder dran gewöhnen muss, dass ein Plumpsklo keine Spülung hat. Und dass das saubere, gefilterte Regenwasser immer so rar ist, dass der Wasserhahn der Station oft nur tröpfelt oder ganz leer gurgelt, versetzt mich innerlich immer wieder in leichte Unruhe. Viele der Annehmlichkeiten, an die ich mich zu Hause gewöhnt habe, fehlen mir hier nicht. Möglichst wenig von den Nachbarn hören? Immer ein satter Wasserstrahl, ganz nach Wunsch, der Herr, warm oder kalt? Eine kuschelig gemütliche Toilette? Nie mehr Spüldienst? Maschine an, Wäsche sauber? Ein Herd – an, aus, fertig? Ein Backofen, Lasagne, Kuchen??? (Also jetzt lüg’ ich aber, vegetarische Lasagne fehlt mir schon, mindestens ein bisschen, wenn ich jetzt so dran denke!) Aber Staubsauger, Wischmop und vom Boden essen können? Internet? Laute Musik? Fernsehen? Die Stadt vor der Tür?
Alles nicht drin. Muss auch nicht. Hier passen diese Lücken dazu. Zuhause würde ich durchdrehen.
Das Leben dauert halt länger.
Also die Alltagstätigkeiten meine ich. Von der Lebenserwartung wollen wir nicht sprechen. Eine Nachbarin der Station steht einen ganzen Tag an einem Holzbock und prügelt mit einem Brettchen auf Wäsche ein. In einer kleinen Wanne hat sie Sachen eingeweicht, das Wasser hat sie aus einem hauseigenen, Brunnen, ein einfaches Erdloch, nicht eingefasst, trotzdem sehr fortschrittlich. Die Leine füllt sich langsam.
Und 2 Tage später steht sie schon wieder da.
Friday, July 11. 2008
Die letzten Tage habe ich damit verbracht, gemeinsam mit Edwin, Fanny und Mauricio die Struktur, Konditionen und Regelungen für das Mikrokreditprojekt auszuarbeiten. Also habe ich fast nur am Computer gesessen, ganz wie zuhause! Und von TFT, Bits & Bytes gibt’s nicht so viel Spannendes zu berichten, deshalb erfrische ich Euch mit den kleinen Geschichten am Rande.
Mein Arzt ruft mich nicht an!
Blanca ist ausgebucht: 11 Gaststudenten! Als ich deshalb am Dienstag hier im leerstehenden Apartment von Karin ankam – praktischerweise mit Internetzugang, allerdings kann ich irgendwie keine Mails verschicken und das Apartment ist leider ohne Systemadministrator-Service – da ruft mich ganz treu mein neuer bester Freund, Dr. Benavides an. Er nimmt seine Aufgabe wirklich sehr ernst und war schon wieder mit dem Jeep des Ministeriums nach in La Y gefahren um nach mir zu schauen. Aber ich war nicht da! Also hat er mich angerufen und vorsichtig nach gefragt, ob alles klar ist. Kein Husten? Keine Hauteruptionen? Kein Fieber? Nein, alles nicht. Gut, dann erlaubt er sich, mich morgen wieder anzurufen! Hat er aber nicht! Bis jetzt nicht. Ich warte… Na, immerhin ist er nicht umsonst nur auf Verdacht nach La Y gefahren, sondern wollte sich dort auch bei der Krankenschwester die Dokumentation der Impfungen abholen, die er uns gespendet hat.
Mir geht’s übrigens immer noch gut. Der Epidemiealarm hier dauert aber noch bis zum 26. Juli.
Thursday, July 10. 2008
Vielleicht erinnert man sich noch: im letzten Jahr bei meinen Quito-Aufenthalten im Haus von Blanca & Carlos, unserer befreundeten Familie, wurde ich ja immer mal umgezogen, und dabei sind ja dann auch immer meine Sachen, nicht immer ganz vollständig, aber immer in bester Absicht, im jeweils neuen Zimmer wieder ähnlich, nur vielleicht etwas ordentlicher also von mir, platziert worden. Und manchmal tauchten beim nächsten Umzug dann in einem Schrank des neuen Zimmers Sachen wieder auf, die ich noch gar nicht vermisst hatte! Jedenfalls war mir dann letztes Jahr im Herbst in Deutschland irgendwann klar geworden, dass meine Brille wohl bei einem dieser Umzüge auf der Strecke geblieben ist, denn benutzt hatte ich sie während der ganzen Zeit nie, ist ja schließlich eine reine Kino- und Nachtfahr-Brille. Ich hatte meinen kleinen Bruder Felipe gebeten für mich Nachforschungen anzustellen, aber der war wohl gerade in Dogola verliebt und hatte seinen Forscherdrang voll auf dortige Wasserfälle fokussiert. Außerdem hatte ich Blanca eine Mail geschrieben, aber die ist scheinbar untergegangen. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben und gedacht, meine Brille ist jetzt in die USA ausgewandert, in den wilden Westen vielleicht, mit einem der Gaststudenten der Familie, die sich mit mir in den Zimmern abwechselten und mit deren Sachen meine Habseligkeiten bei der Zwischenlagerung in diversen Schränken und Abstellräumen immer mal wieder neu aufgemischt wurden.
Das ist doch keine Brille!
Als ich jetzt bei Blanca war, hab ich ganz vorsichtig nochmal nachgefragt, nach meiner Brille und sie meinte, sie hätte da schon was gefunden, aber das sei eigentlich keine echte Brille: „Die hat nur ganz kleine Gläser, die höchstens zum lesen!“ Wenn ich das nächste Mal komme, zeigt sie mir mal. Hoffnung! Aber Blanca hat schon recht, meine Brille hat ja nicht diese kleinen Füßchen mit Plastikpölsterchen dran, die immer die Haut an der Nasenwurzel weichdrücken, sondern bei mir liegt der Rahmen direkt auf der Nase auf, dadurch sind die Brillengläser sehr nah am Auge – so nah, dass ich immer Fettflecken von meinen scheinbar triefenden Augenbrauen auf den Gläsern habe. Und weil die Gläser so nah am Auge sind, sind sie auch wirklich kleiner und decken trotzdem, Strahlensatz und so, ein ordentliches Sichtfeld ab. Für mittelgroße Kinoleinwände reicht’s jedenfalls.
Und Hoffnung bestätigt! Gestern hab ich sie mir abgeholt, sie war es! Blanca hatte zwischendurch versucht das gute Stück bei der Sprachschule loszuwerden, von der immer die Gaststudenten kommen, aber die wollten sie glücklicherweise nicht, also hat meine kleine Schwarze im grünen Etui, brav ein Jahr in Ecuador auf mich gewartet, ohne mit einem anderen durchzubrennen!
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