Die Take-Away-Architektur
Das Leben hier wirkt auf mich wie erst auf das Wesentliche reduziert und dann mit ganz viel Natur wieder aufgefüllt. Palmen, entferntes Affengebrüll, Mahagoni, Bananen, Tukane, Kaffee, Kakao, Geier, Riesenkröten, Zuckerrohr, Orangenbäume, Kühe, Esel, Schlangen und so weiter. Und immerhin ist es hier fast immer warm – und daran ist z.B. auch der Hausbau angepasst: eine Bretterwand und ein Wellblech- oder Blätterdach reichen aus, gegen den Regen. Gegen die Luftfeuchtigkeit ist ohnehin kein Gras gewachsen, Schallschutz ist ein Fremdwort und zum Zwecke der Wärmeisolierung braucht man hier nicht massiv bauen. Dafür kann man sein Haus dann auch mal mitnehmen, denn aus viel mehr als Brettern besteht es ja nicht, die kann man einfach auf einem anderen Grundstück wieder aufschlagen. Es lebe die Hütte-To-Go!
TrĂĽgerisches Idyll
Aber dabei übersieht man – solange man gesund ist, gerade nicht seine Kinder auf eine gute oder überhaupt eine Schule schicken möchte, gerade nichts aus der Stadt braucht und auch sonst am besten nirgendwo hin muss, es gerade Mittag und damit auch ohne Strom hell ist, man kein Trink- oder Waschwasser braucht, sich eh nicht gerne vielseitig ernährt und auch gerade nicht auf Toilette muss – dass, bei aller Naturidylle, auch ein paar sehr wesentliche Dinge fehlen. Denn Lebensumstände hier direkt auf der Gesundheitsstation sind natürlich besser als in jedem anderen Haus im Dorf La Y – und geradezu luxuriös verglichen mit den noch weiter im Nebelwald gelegenen Siedlungen.
Privilegien der Station
Damit unsere medizinische Versorgung von den regelmäßigen Stromausfällen unabhängig ist, haben wir z.B. eine Solaranlage – deren Batterien allerdings gerade, nach 7 Jahren Dienst, kaputt sind und ersetzt werden müssen, was uns unerwartet rund € 3.000 kosten wird. Im Normalfall ist damit die Station besser versorgt, als die anderen Bewohner von La Y – die natürlich dennoch über die erst vor ca. 2 Jahren eingezogene Stromversorgung glücklich sind. Eine weitere Solaranlage haben wir zur Kühlung von Impfstoffen und Medizin – die geht noch und das muss sie auch! Des Weiteren brauchen wir für die Behandlungen, das Labor und den Zahnarzt sauberes Wasser und haben deshalb unsere eigene Regenwasser-Zisterne mit Sand-Filter und Chlorierung. Und da wir ja auch bei der Hygiene Vorbild sein müssen, gibt es bei uns auch Waschbecken mit fließend Kaltwasser aus der Zisterne und: Seife.
Harz IV?
Die Dörfer hinter La Y sind eben nur durch stundenlange Fußmärsche oder Ritte mit dem Maultier erreichbar. Dann gibt es neben dem beschwerlichen Leben ohne Straßen aber auch kein fließend Wasser, keinen Strom - also auch nach 18 Uhr nur noch schwaches Kerzenlicht – und sie sind sowieso weit weg von jeder städtischen Infrastruktur mit Ärzten, Krankenhaus, Geschäften.
Nur Natur. Davon haben sie noch recht viel. Wenn auch der Holzeinschlag immer weiter fortschreitet.
Chronisch pleite
Dass die Familien kein Geld haben, ist auch immer ein Saisonproblem: Die Kakaoernte bringt nur schubweise Geld, den Rest der Zeit betreiben die Familien Landwirtschaft um sich selbst zu versorgen und sind nicht flüssig. Verhungern tut hier keiner, denn irgendwas bringt die üppige Natur immer hervor: Bananen oder Reis zum Beispiel. Die kann man meist nicht verkaufen, weil sich der hohe Aufwand für den Transport auf diesen Wegen hier kaum lohnt. Sie dienen also nur der Familie zur Versorgung, aber nichts zu Verkaufen zu haben, heißt: kein Einkommen. Und kein Einkommen heißt: kein Geld um die kostenpflichtige Schule der Kinder, Arztbesuche, Werkzeuge, Saatgut oder vielseitigere Nahrungsmittel zu bezahlen. Kein Notgroschen und oft außer ein paar Hühnern nichts, mit dem man sich Waren oder Dienste ertauschen geschweige denn kaufen könnte. Das ist doch zum Bäume fällen.
Verschimmelnde Vitamine am Baum
Theoretisch gibt es in der Region schon auch Gemüse und Obst, das zu essen, ist aber leider kaum in der lokalen Kultur verankert. Viel Obst verschimmelt ungeerntet am Baum, während die Familie quasi dreimal täglich Reis mit Hühnchen isst. Gemüse wird ja meist gar nicht oder nur in kleinen Mengen angebaut, obwohl es hier wachsen würde. Das sind die schwierigen Aufgaben: Die Gewohnheiten der Menschen zu ändern, nachdem sie das seit Jahrzehnten so machen und doch offensichtlich damit leben können. Trotzdem haben sie natürlich – und damit vor allem die Kinder im Wachstum – eine Mangelernährung.
Ich bin doch nicht krank!
Die lokale Kultur ist für uns, in der Entwicklungszusammenarbeit mit den Menschen hier, der gegebene Rahmen. Dennoch sind in Ernährungsfragen oder auch bei Prävention, Hygiene, Gesundheit, Familienplanung und häuslicher Gewalt einige Veränderungen notwendig. Selbst unsere Gesundheitshelfer, die ja immerhin in erster Hilfe und Präventionsthemen geschult sind, „erwischen“ wir immer wieder bei „Fehlern“. Nur ein kleines Beispiel hierfür ist, dass Don José, der Präsident des Gesundheitskomitees, seinen benutzten Trinkbecher selbstverständlich ungespült wieder ins Regal zurückstellt, denn er ist ja schließlich nicht krank – oder!?
Frauen schlagen – ist doch praktisch.
Bei solchen Kleinigkeiten fängt es natürlich erst an – und geht weiter mit dem Toilettenbesuch mit anschließendem Händewaschen, Flusswasser vor dem Trinken abzukochen oder der traditionell patriarchische Familienstruktur, in der Frau und Kinder nichts zu melden, sondern häufig unter der gesellschaftlich akzeptierten Gewalt des (betrunkenen) Mannes zu leiden haben. Außerdem sind Kondome und Verhütungsmittel unüblich, so dass die (akzeptiert untreuen) Männer die in den letzten Jahren stark angestiegenen Geschlechtskrankheiten herumtragen und mehr Münder zu stopfen haben, als sie gut versorgen können. Diese Verhaltensweisen zu ändern ist ein schwieriger und langwieriger Prozess. Häufig fehlt die Einsicht in die Notwendigkeit der Verhaltensänderung. Und selbst wo diese eingesehen wird, fehlt dann immer noch oft die konsequente Umsetzung oder die Transferleistung auf die verschiedenen Situationen, in denen das Gelernte umgesetzt werden müsste – was natürlich besonders schwierig ist, wenn die gelernten Inhalte auf die Änderung eingefahrener Gewohnheiten einwirken müssen oder so unbequem sind, wie z.B. seine Frau nicht mehr schlagen zu dürfen. Ein Beispiel für einen erfolgreichen Eingriff ist die Malariabekämpfung: mittlerweile wissen die meisten hier, warum es sinnvoll ist, unter einem Moskitonetz zu schlafen und um das Haus herum alle Pfützen, die Brutstätten von Moskitos sind, trocken zu legen. Das heißt noch nicht, dass sie es wirklich immer konsequent umsetzen. Aber auf jeden Fall ist die Häufigkeit der Malariaerkrankungen in unserer Projektregion in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen.
Bürgerinitiativen – ein großer Erfolg
Dass zumindest der Hauptort La Y jetzt mit Strom versorgt wird, geht auf eine Initiative des von uns ins Leben gerufenen „Comité Promejora“ zurück, die jetzt für Infrastruktur und Umwelt verantwortlich sind. Und wir können beobachten, dass die Bewohner sich mittlerweile auch für andere Probleme zusammenschließen, sich zu organisieren wissen und ihre Interessen nach außen vertreten. Das ist sicher einer der großen Erfolge, denn das bedeutet, dass die Methoden mittlerweile bei den Menschen hier angekommen sind. Und damit bleiben sie also auf jeden Fall hier, ganz unabhängig von uns. Und die Methode der Initiativenbildung ist ja universell einsetzbar und damit eine gute Basis für egal welche künftigen Herausforderungen. In La Y wird z.B. mittlerweile – nachdem wir zwischenzeitlich, als erste Lösung des Müll-Problems überhaupt, eine Müllhalde initiiert hatten – regelmäßig der Müll abgeholt und rausgeschafft.
Extreme Lebensbedingungen in Stuttgart!
Trotz allem, wenn man sich erstmal an die Umstände gewöhnt hat, ist das Leben hier für mich wirklich eine große Bereicherung. Ich könnte es mir kaum noch vorstellen ohne. Nicht dass ich immer unbedingt hier her muss, aber ich würde es nie vergessen, dass alles um einen herum auch so wie hier sein kann und trotzdem ein Leben ist. Das fühlt sich an wie ein anderer Blick auf "unsere Welt", eine andere Verwurzelung, für mich scheint dadurch das Ganze echter, weil dadurch noch was dagegen steht, gegen Stuttgart und so, was mir ermöglicht zu erkennen, dass das nicht alles ist, sondern es ins rechte Licht rückt. Die Stuttgart-Welt wird dadurch nicht schlechter oder unechter, aber irgendwie richtig eingelotet, als ob ich dadurch insgesamt einen richtigeren Maßstab angelegen kann – als ob die
durchschnittliche Wirklichkeit aller Menschen eben doch eher in der Mitte von Stuttgart und La Y liegt, vielleicht sogar etwas näher bei dem Leben hier – und aber ganz bestimmt nicht in Stuttgart. Und das Extreme daran ist, dass diese Skala natürlich leider auch in die andere Richtung noch Luft hat – und das Leben also noch viel härter zu uns sein kann als hier.